Begleitung – viel mehr, als ein Amtsgang

Wer sich überlegt, ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden, stößt schnell darauf: Allerorts werden Begleitungen gesucht. Begleitung von Geflüchteten zum Amt oder zum Arzt. Viel unattraktiver kann eine Aufgabe kaum klingen. Jedoch zu Unrecht! Wir schildern, was es mit der Begleitung geflüchteter Menschen auf sich hat:

Stell dir vor, du landest Hals über Kopf in einem Land, dessen Sprache du nicht sprichst und Kultur du nicht kennst. Jetzt überlege dir, wie viele Aufgaben du anfangs ohne Hilfe von dort lebenden Menschen bewältigen könntest. Das Ergebnis wird irgendwo zwischen „keine“ und „wenige“ liegen.

Nachdem die lange Flucht überstanden ist (d.h. zumindest überlebt wurde) und die Zuweisung an einen Ort erfolgte, steht der erste Amtsgang an: Die Erstanmeldung in einer Stadt. In Köln findet diese für Geflüchtete im jeweils zuständigen Bürgeramt statt. Je nachdem, wo die Menschen untergebracht sind und wie gut sie sich in fremden Städten zurecht finden, kann der Weg dorthin leicht zu einer kleinen Abenteuerreise ausarten. Wie viel besser fühlt es sich wohl an, wenn eine freundliche Person einen begleitet, auf Details zum Weg hinweist (z.B. „hier immer Linie x nach Hause nehmen“), am Info-Stand dafür sorgt, dass es die richtige Wartenummer gibt und dann – mit einem gemeinsam wartet.

Die Wartezeit auf deutschen Ämtern wurde schon oft zur Geburtsstunde einer andauernden Freundschaft. Zeit, sich gegenseitig ein wenig kennen zu lernen, Fragen zu stellen, Fotos zu zeigen usw.

Im schlimmsten Fall hat die Begleitung zum Amt zur Folge, dass man sich selbst nun ein wenig besser auskennt und man einen neuen Menschen (oder eine ganze Familie) kennengelernt hat.

Im besten Fall ist man sich gegenseitig sympathisch und wird zukünftig auch schönere Dinge miteinander erleben.

Persönlich habe ich schon viele lustige und fröhliche Momente bei solchen Amtsgängen erlebt. Sei es die Aufregung von afghanischen Geschwistern bei einer offensichtlich noch nicht oft erlebten Aufzugfahrt, die gemeinsame Erleichterung, wenn eine gewünschte Genehmigung erteilt wurde oder gar das gegenseitige Umarmen vor Freude über einen erreichten Erfolg.

Ein wenig anders sieht es bei der Begleitung zu Ärzten aus. Da hier noch mehr Vertrauen nötig ist, weil die begleitende Person für die geflüchtete Person eine Art „Sprachrohr“ zwischen Arzt, Patient*in und Sozialarbeiter*in ist, wird durch einen einzelnen Arztbesuch schon große Nähe geschaffen. Auch geht es der geflüchteten Person gerade nicht gut, weshalb die Heiterkeit der Amtsgänge seltener stattfindet. Ob man sich nach einem gemeinsamen Arztbesuch mag oder nicht bleibt wie bei jeder anderen Begegnung im Leben zunächst offen.

Wenn sich die geflüchtete und die begleitende Person nach einem gemeinsamen Besuch bei Amt oder Arzt sympathisch sind, kann aus dem einzelnen Begleitungsgang auch mehr werden. Eine Bekanntschaft, eine Freundschaft, eine Patenschaft oder ein „Buddy“.

Buddies – „Kumpels“ auf Augenhöhe

Der Begriff des Buddy ist dem Tauchsport entliehen. Beim Tauchen steigt immer ein Buddy mit unter Wasser, um sich gegenseitig Hilfe leisten zu können. Um sich zu unterstützen, muss man keine dicke Freundschaft eingehen. Man begegnet sich freundlich und auf Augenhöhe. Ein Buddy hilft der geflüchteten Person also dabei, nicht zu „ertrinken“.

Das kann alle möglichen Aktivitäten umfassen: Weitere Behördengänge, ein Bankkonto eröffnen, zusammen Fußball spielen oder joggen gehen, mit der Familie einen Ausflug machen (und sei es nur zu einem als Spielplatz), gemeinsames Kochen usw.

In manchen Flüchtlingsunterkünften gibt es schon ganze Buddy-Teams: ein Team für Sport, eines für sonstige Freizeitaktivitäten (Konzerte, Clubbesuche, kulturelle Events), eines für Papierkram & Behörden, eines für Jobsuche usw. Jede*r Buddy legt seinen/ihren Zeitaufwand selber fest: Von 2 Stunden alle 2 Wochen, über jeden Mittwochnachmittag bis  hin zu mehreren Stunden an verschiedenen Wochentagen. Alles ist möglich und alles ist ok.

fluechtlinge-begleiten-paten-buddiesIch lasse in unregelmäßigen Abständen zwei syrische Frauen bei mir kochen. Die Schwestern sind Teil einer 11-köpfigen und drei Generationen umfassenden Familie, die in einer Turnhalle untergebracht sind. Auch wenn das DRK-Catering qualitativ hochwertig ist, können sich die meisten vorstellen, wie sehr man schon nach kurzer Zeit die eigene Küche vermisst.
Was bedeutet das für mich? Ich mache mit den beiden Frauen einen Termin aus und teile mit, ob alle vier Kinder oder nur der Kleinste (18 Monate) mitkommen sollen. Das mache ich von meinem Tag abhängig: Wie viel Zeit habe ich? Muss ich während der Kocherei noch was erledigen? Habe ich heute überhaupt Nerven für 3 quirlige Kids? Dann beginnt das arabische Flair in meiner Wohnung: Die Köchinnen bringen alle Zutaten selber mit. Nachdem ich ihnen einen Überblick über meine Küche gegeben habe, legen sie los. Ich ziehe mich dann zurück, surfe durchs Internet, unterhalte mich hier und da mal mit Händen und Füßen, spiele mit den Kindern, darf und muss mit abschmecken. Nebenbei läuft syrische Musik auf Youtube. Die Kocherei dauert meist zwei Stunden und es duftet wie in einem syrischen Restaurant. Ich bekomme eine große Portion abgepackt (und nein, Hühnchen ist kein Fleisch; die Idee, Vegetarierin zu sein, erscheint ihnen wie eine absurde Flause) und die Schwestern ziehen glücklich und mit Töpfen bepackt zurück zur Unterkunft. Da verspeisen dann elf Menschen eine Mahlzeit ganz nach ihrem Geschmack und freuen sich über die Abwechslung und den Geschmack von „zu Hause“.

Bei Buddies gilt immer: Alles kann, nichts muss.

Ein wenig mehr steht an, wenn Mensch sich entscheidet, eine „Patenschaft“ für einen geflüchteten Menschen oder eine ganze Familie zu übernehmen.

Die Patenschaft – Patentante, Patenonkel und Patenkind?

Im Begriff des „Paten“ steckt bereits ein anderes Verhältnis, als beim Buddy: Ein Pate hat eine Schutzfunktion und soll den Schützling im Notfall auffangen. Im Falle der Geflüchteten ist die Notsituation bereits da: Sie mussten ihre Heimat verlassen und sind an einem fremden Ort in einem fremden Land angekommen, wo sie auf Hilfe angewiesen sind. Die Person des Paten oder der Patin wird zur Ansprech- und Hilfsperson für Fragen und Sorgen, für Hilfe auf dem Amt oder bei der Einschulung der Kinder, bei alltäglichen Herausforderungen (wie kaufe ich das richtige Ticket für die Bahn?) aber natürlich auch für gemeinsame Aktivitäten, die allen Beteiligten Freude machen sollten.

Als Pate oder Patin sollte man sich im Vorfeld überlegen, wie viel Zeitaufwand realistisch in das eigene, bisherige Leben integrierbar ist, ohne dass man selber irgendwann zu kurz kommt. Wie alle ehrenamtlichen Tätigkeiten sollte auch die Patenschaft Spaß machen und das eigene Leben bereichern.

Natürlich hat eine Patenschaft auch ihre Tücken: Wann sage ich nein? Wo unterstütze ich, wo bevormunde ich? Was ist eine angebrachte Hilfe oder wann muss ich die Hilfe Dritter suchen?

Aus diesem Grund empfehlen wir jeder Person, die überlegt, eine Patenschaft zu übernehmen, sich vorher von fachkundigen Menschen dazu beraten zu lassen. Eine solche Beratung ist selbstverständlich kostenlos und hilft, Fragen zu klären, Missverständnisse zu vermeiden und auch Ängste abzubauen. Die Aufgabe einer Patenschaft ist zwar verantwortungsvoll, aber kein Hexenwerk. Dafür braucht man kein Diplom, ein gesunder Menschenverstand und Freude am Tun sind ausreichend.

Eine Beratung, ob und in welchem Umfang eine Patenschaft für den Paten oder die Patin gut ist, gibt es u.a. beim Bürgerzentrum Ehrenfeld, dem DRK und der AWO.

Kontakte:
Xenia Kuhn, BüZe:

Friederike Rausch, DRK:

Angelika Blickhäuser, awo:

Wichtig: Es gibt auch die Patenschaft im Sinne einer Vormundschaft eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings. Hierfür gelten im Sinne des Jugendschutzes besondere Auflagen.

Selbstverständlich stehen auch erfahrene Helfer*innen vom Team von Willkommen in Ehrenfeld für Fragen rund ums Thema Begleitung zur Verfügung. Schreibt uns einfach eine E-Mail an . Gerne telefonieren wir dann auch oder treffen uns persönlich zu einem Gespräch.

Weiterführende Infos für Paten & Begleiter zu den Themen Asylverfahren, Wohnung, Deutsch lernen, Kita/Schule, Arbeit & Gesundheit findet ihr hier toll zusammengefasst.

Begleitung macht Spaß! Mach mit: http://wiku-ehrenfeld.de/mitmachen/

 

 

Bild: Julia Fukuda

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